Morbus Hashimoto

MORBUS HASHIMOTO


MORBUS HASHIMOTO

Interview über Morbus Hashimoto mit Professor. Dr. med. Jürgen H. Hengstmann, Berlin.
Die Fragen stellte Dagmar Braunschweig-Pauli M.A. Trier am 12. 01./ 10.04. 2013 Mit freundlicher Genehmigung von Herrn Professor Dr. med. Hengstmann darf dieses Interview auf der Website www.jod-kritik.de veröffentlicht werden. An dieser Stelle bedanke ich mich sehr herzlich bei Herrn Professor Dr. med. Hengstmann dafür, daß er sich die Zeit zu diesem Interview genommen und es für diese Website der Deutschen SHG der Jodallergiker, Morbus Baseodw- und Hyperthyreosekranken, Trier, zur Verfügung gestellt hat.

Thema: Morbus Hashimoto

„Augen auf im Jodverkehr“
Sehr geehrter Herr Prof. Hengstmann, herzlichen Dank auch im Namen der steigenden Zahl von Jodgeschädigten, daß Sie sich Zeit für dieses Interview zum Thema „Morbus Hashimoto“ genommen haben. Sie haben diese Autoimmunerkrankung wiederholt als „die Seuche des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet, und wer sich heute über diese Schilddrüsenerkrankung informieren möchte, stößt sehr schnell auf Ihren Namen. Auf Grund Ihrer international bekannten wissenschaftlichen Tätigkeit, Vorträgen und Interviews und von Ihnen betreuten Doktorarbeiten gelten Sie als einer der erfahrensten Schilddrüsenspezialisten Deutschlands und darüber hinaus auch im Ausland.

1. Frage: Sie werden vielfach auch von Jodgeschädigten und Journalisten aus dem europäischen Ausland angerufen und um Ihren medizinischen Rat gebeten. Aber wie kam es dazu, daß unter der Vielzahl von Schilddrüsenerkrankungen ausgerechnet Hashimoto zu Ihrem Spezialgebiet wurde?
Hengstmann: Das liegt daran, daß ich viele Jahre die Schilddrüsenambulanz des Krankenhauses Am Urban in Berlin geleitet habe. 20 % meiner Patienten dort – das waren immerhin gut 400 Menschen - hatten Hashimoto.
Durch die Vielzahl der Hashimoto-Erkrankungen in meiner Schilddrüsenambulanz bin ich auf die Bedeutung von Hashimoto aufmerksam geworden.

2. Frage: Herr Professor Hengstmann, wodurch wird Hashimoto ausgelöst bzw. bei genetischer
Veranlagung bereits in jungen Jahren statt im hohen Alter ausgelöst?
Hengstmann: Wie ich bereits in meinem Interview bei RBB Quivive Thema
Jod - zu wenig oder zu viel? aus dem Jahre 2007 (nachzusehen im Internet
bei: http://www.youtube.com/watch?v=hsn19BNmqs8) gesagt habe,
ausschließlich durch Jod und zwar durch die Überjodierung bei genetischer
Disposition.
Die Menge macht es, weswegen im Schnitt über 170
Mikrogramm Jod/ Tag nicht überschritten werden sollen!
Der tägliche Jodbedarf hängt vom Körpergewicht ab, deshalb kann er individuell durchaus auch unter den 170 Mikrogramm liegen.

3. Frage: Herr Professor, wie entwickelt sich Hashimoto, und was sind ihre ersten Warnzeichen? Bei
Frauen und bei Männern?
Hengstmann: Hashimoto beginnt mit einer Überfunktion, entwickelt sich dann innerhalb von ca. 10 Jahren meist ohne erkennbare Symptomatik, in denen sich die Schilddrüse selber zerstört, und endet in einer Unterfunktion.
Zu Ihrer Frage nach Hashimoto-Warnzeichen bei Frauen: wenn junge Frauen mit Kinderwunsch nicht schwanger

werden, sollte an Hashimoto gedacht werden. Hashimoto führt zu Unfruchtbarkeit. Dann sind die TSH-Werte zu hoch, wodurch es unmöglich ist, schwanger zu werden.
Weitere Warnzeichen bei Frauen sind Störungen der Menstruation, eine tiefe, rauhe Stimme, stumpfe Haare und Haarausfall, ein gestörter Fettstoffwechsel, Fettleibigkeit und Gefäßveränderungen.
Zu Ihrer Frage nach Hashimoto-Warnzeichen bei Männern: gestörter Fettstoffwechsel, Fettleibigkeit und Gefäßveränderungen und eine tiefe, raue Stimme..

4. Frage: Hashimoto hat sich ja seit Beginn der sogenanntnen flächendeckenden Jodsalzverwendung mit über 12,5% Betroffenen in Deutschland (Stand von 2009) zu einer der häufigsten Schilddrüsen-Erkrankungen überhaupt entwickelt. Können Sie aufgrund Ihrer Erfahrung sagen, wie häufig Hashimoto-Erkrankungen in Deutschland ohne die
Hochjodierung seit über 20 Jahren wären?
Hengstmann: Ganz ganz selten. Das waren früher – ohne die beweisenden diagnostischen Möglichkeiten die, wie wir Mediziner sagten - „Fälle für den Hörsaal“. Aber bei hoher Jodzufuhr durch Jodsalz und jodierte Lebens- und Futtermittel, wie sie seit über zwanzig Jahren in Deutschland praktiziert wird, tritt Hashimoto sehr viel früher, oft Jahrzehnte früher auf.
Etwa 20-30% der Bevölkerung insgesamt sind Menschen mit der genetischen Veranlagung für die Autoimmunerkrankung Morbus Hashimoto. Diese Erkrankung tritt in jodarmen Gegenden, wie früher Deutschland oder viele andere Gebiete auf der Welt, wenn überhaupt, erst im höheren Alter ab ca. 70 Jahren auf. Das hängt mit der Jodaufnahme zusammen: in jodarmen Gegenden tritt bei genetischer Disposition Hashimoto ganz ganz spät auf.

5. Frage: Was raten Sie Hashimoto-Patienten?
Hengstmann: Jodkarenz! Jodkarenz! Mein Satz lautet immer „Augen auf im Jodverkehr!“ Ich rate meinen Patienten, ihre Ernährung zu ändern – d.h. kein Jod, keine deutsche Milch, kein Sushi „ und nicht nach Japan versetzen lassen“.
Und bei Frauen im gebärfähigen Alter sind die zwei wichtigsten Fragen, ob eine Schwangerschaft geplant ist und b) ob die Patientin bereits schwanger ist.

6. Frage: Wie kann Hashimoto diagnostiziert werden?
Hengstmann: Hashimoto wird über die Antikörperwerte im Blut (TAK und
MAK) und mit farbkodierter Ultraschalluntersuchung diagnostiziert.
Das ist am Beispiel der unten folgenden Aufnahmen aus dem Aufsatz „Color
Doppler sonography in hypothyroidism“, von L.Schulz, Uwe Seeberger und
Jürgen H. Hengstmann in European Journal of Ultrasound 16 (2003) 183-189,
gut zu erkennen.

7. Frage: Wie therapieren Sie Patienten mit Hashimoto?
Hengstmann: Ich therapiere Hashimoto-Patienten mit Jodkarenz+Thyroxin+ Selen (unter Kontrolle des Serumspiegels!). Ausschlaggebend für die Dosierung von Thyroxin sind die TSH-Werte im Blut, die zwischen 0,4 und 1,0 mU/l liegen sollten.

8. Frage: Was passiert, wenn Hashimoto-Patienten sich konsequent ohne künstliche Jodzusätze – und
natürlich auch ohne Lebensmittel mit hohem natürlichen Jodgehalt – ernähren können und von Ihnen
die richtige medikamentöse Behandlung erfahren?
Hengstmann: Dann kommen 100% in eine sogenannte euthyreote Stoffwechsellage und es geht nur ganz wenig weitere Schilddrüse kaputt. Die Menschen

können uralt werden. Wichtig: ist eine dreimalige Kontroll-Untersuchung von TSH und f-T4 Untersuchung im Jahr und, wenn nötig, Selen. Zeitgleich mit Thyroxin dürfen keine Eisentabletten und keine kalziumhaltigen Lebensmittel eingenommen werden!

9. Frage: Gibt es auch Kinder, die durch die Hochjodierung bereits Hashimoto entwickeln?
Hengstmann: Ja, Hashimoto kommt auch bei Kindern vor. Auch bei ihnen dauert es ca. 10 Jahre, bis sich die ersten Hashimoto-Symptome zeigen.

10. Frage: Was raten Sie Eltern von Kindern mit Hashimoto?
Hengstmann: Jodkarenz, denn je früher Hashimoto erkannt wird, umso wichtiger ist die Jodkarenz

11. Frage: In meiner SHG wird immer danach gefragt, wie man das zuviel gespeicherte Jod wieder
ausleiten kann. Was raten Sie?
Hengstmann: Ich rate dazu, viel zu trinken, etwa 4-6 Liter Flüssigkeit – am besten ist Wasser oder Tee – zu trinken. Das schwemmt das Überangebot von Jod wieder aus.

12. Frage: Welche Dissertationen über Hashimoto, die Sie betreut haben, erscheint Ihnen
richtungsweisend?
Hengstmann: Es ist die Doktorarbeit von Tom Wuchter, mit der er 2007 an der
Berliner Charitè promoviert wurde. Sein Thema hieß „Einfluss der renalen
Elimination auf die Serumspiegel des nicht hormongebundenen Jods bei
Patienten mit Morbus Hashimoto“, und Wuchters Ergebnisse, zu denen er
gelangte, zeigen deutlich, wie sehr die hohe Jodaufnahme über jodierte
Lebens- und Futtermittel die Entwicklung von Hashimoto begünstigt. Eine
sehr wichtige Dissertation, die jeder Kollege, der Schilddrüsenpatienten hat,
kennen sollte.

13. Frage: Wie gut ist Ihrer Meinung nach der Informationsstand unter Ihren Berufskollegen was
Hashimoto und der Zusammenhang dieser Krankheit mit der Hochjodierung angeht?
Hengstmann: …bitte die nächste Frage.

14. Frage: Was wünschen Sie sich von der Gesundheitspolitik im Hinblick auf die ja offensichtlich völlig
aus dem Ruder gelaufene „generelle Jodsalzprophylaxe“?
Hengstmann: Vernunft! Vernunft! Vernunft! darin, was seit 1531 bekannt ist, endlich zu realisieren: „Sola dosis facit venenum“, übersetzt heißt das: „Nur die Menge macht das Gift“.

15. Frage: Was wünschen Sie sich von Ihren Fachkollegen in Bezug auf Hashimoto und anderen
jodinduzierten Erkrankungen wie Basedow, Überfunktion etc.?
Hengstmann: Ich wünsche mir, daß Mediziner mehr Kontakte mit ihren Patienten haben zum Austausch wichtiger Tatsachen, nämlich der Kenntnis von Grundbedingungen, daß z.B. wenig Jod bei Morbus Basedow und Überfunktion erforderlich ist. Wenn man sich als Arzt nicht um die geringe Jodaufnahme kümmert, sind mehr Thyreostatika nötig, bei denen katastrophale Nebenwirkungen möglich sind. Die Mengen der zu verordnenden Thyreostatika bei Basedow und Überfunktion sind abhängig von der aufgenommenen Jodmenge, d.h.: viel Jod – viel Thyreostatika.

16. Frage: Was wünschen Sie sich für die Entwicklung der Medizin in Deutschland?
Hengstmann: Vernunft! Vernunft! Vernunft! und eine gute Ausbildung auch in zwischenmenschlichen Beziehungen.

17. Frage: Was möchten Sie Ihren Fachkollegen, Jungmedizinern und Medizinstudenten ans Herz legen?
Hengstmann: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst sollte das Motto der Medizin sein. Das ist der wichtigste Grundsatz, da bin ich sehr strikt.

18. Frage: Was wünschen Sie sich für Ihre Lebensarbeit, die in besonderem Maße mit der Erforschung
von Morbus Hashimoto verknüpft ist?
Hengstmann: Daß das Gerede von der Gefährlichkeit der Therapie nicht das erste sein sollte, woran man denkt, sondern die vielgestaltige Therapie derart, daß sie möglichst wenig Nebenwirkungen hat. Und erklären, erklären, erklären, nicht befehlen! Der Patient muß wissen, warum etwas geschehen soll.