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Bitte französisch denken!

Überjodierung kann Schwangerschaft verhindern


Interview
mit Prof. Dr. med. Jürgen Hengstmann, Berlin, zur Situation der Überjodierung in Deutschland, und welche Auswirkungen sie auf die Entstehung einer Schwangerschaft, ihren Verlauf und die Gesundheit von Mutter und Kind haben kann.
Das Interview führte Dagmar Braunschweig-Pauli M.A., Journalistin, Trier.

Bitte französisch denken!*

Überjodierung kann Schwangerschaft verhindern und Mutter und Kind gefährden.
Warum vorjodierte Lebensmittel bereits die Entstehung einer Schwangerschaft verhindern und bei einer bereits bestehenden Schwangerschaft zu Fehlgeburten und Mißbildungen beim Kind führen können. Zudem sind Frauen im gebährfähigen Alter besonders durch die Überjodierung gefährdet, an Morbus Hashimoto oder Morbus Basedow zu erkranken.

Sehr geehrter Herr Professor Hengstmann, es gibt eine beeindruckende Fernsehreportage der Journalistin Anna Hilpert über Sie und eine Ihrer Patientinnen, die durch die von Ihnen vorgenommene Therapieumstellung - d.h. kein zusätzliches Jod bei bestehender Unterfunktion bereits VOR Beginn der Schwangerschaft – nach einer Fehlgeburt endlich ein gesundes Kind zur Welt gebracht hat. Und diese zauberhaften Bilder bleiben im Kopf haften: eine junge Mutter (Sibille Banowski) sitzt mit ihrem nur wenige Monate alten Baby an einem sonnigen Tag am Ufer des Landwehrkanals auf dem Rasen vor Ihren Krankenhaus Am Urban in Berlin und lacht und hebt ihren vergnügt strampelnden Clemens glücklich vor sich in die Höhe und man hört den Kleinen vor Vergnügen jauchzen.

1. Frage: In der Reportage berichtet Sibille Banowski, daß sie nach einer Fehlgeburt von ihrer Hausärztin zu Ihnen überwiesen wurde, weil diese einen Zusammenhang zwischen der Fehlgeburt und einer Schilddrüsenerkrankung vermutete. Sibille Banowskis Ärztin hatte ihr Jodtabletten verordnet, offenbar ohne zu ahnen, daß sie mit der erhöhten Jodgabe bei Sibille Banowski, die seit Jahren unter einer nicht erkannten Schilddrüsenfehlfunktion litt, ihrer Patientin und deren ungeborenem Kind genau das Verkehrte verordnet hatte. Was war passiert?

Hengstmann: Da die Schilddrüsenfehlfunktion z. Zt der Fehlgeburt nicht bekannt war, gibt es medizinisch zwei Erklärungsmöglichkeiten: daß es sich entweder um eine Unter- oder um eine Überfunktion gehandelt hat. Wahrscheinlich ist in diesem Falle die hyperthyreote Phase einer jodinduzierten (= durch Jod ausgelöste) Hashimoto Thyreoiditis, bei der es schneller zur Fehlgeburt kommen kann.

2. Frage: In der Reportage sagen Sie: „Schilddrüsenfunktionsstörungen führen sehr sehr sehr häufig zu Frühabort, d.h. daß die Fehlgeburtenrate sehr sehr hoch wird, sehr sehr hoch wird, und muß man auch noch dazu sagen, wenn eine nicht ausreichende Schilddrüsenhormonversorgung in der werdenden Mutter ist: die Mißbildungsrate geht auch nach oben.“
Können Sie uns das vielleicht noch etwas näher erklären?

Hengstmann: Gesetzt den Fall, die werdende Mutter leidet unter einer jodinduzierten, also durch Jod ausgelösten Hashimoto-Erkrankung, kann die durch diese Erkrankung verursachte verminderte Schilddrüsenhormonbildung zur Entwicklungsstörung des kindlichen Gehirnes führen. Eine Beeinträchtigung des Gehirns bzw. des zentralen Nervensystems (ZNS) gehört zu den am häufigsten beobachteten Mißbildungen, wenn eine an durch Jod ausgelöster Hashimoto-Erkrankung leidende Schwangere zusätzlich Jod – in Form von Jodtabletten oder Jodsalz oder jodierten Lebensmitteln – zu sich nimmt.
Zur Erklärung: eine jodinduzierte Hashimoto-Erkrankung ist eine sogenannte Autoimmunhypothyreose. Genetische Disposition und hohe Jodzufuhr sind ihre Hauptbedingungen. Antikörper führen zu einem Verlust von Schilddrüsenzellen, und der Bedarf des Körpers kann nicht mehr gedeckt werden. Die Krankheit entwickelt sich langsam, über Monate, Jahre bis zu zehn Jahren. Die Symptome der Hypothyreose sind u.a. trockene, fahl-gelbliche und kühle Haut, die Stimme ist rauh und tief, es herrscht eine gesteigerte Kälteempfindlichkeit, die geistige und körperliche Leistungsfähigkeit ist vermindert, es kommt zu Gelenkbeschwerden.*1

3. Frage: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, daß eine Schwangere zu der Risikogruppe gehört, die durch zu viel Jod in Jodsalz, jodierten Lebensmitteln wie Brot, Milch etc., an einer, wie Sie sagen, „jodinduzierten“, also durch Jod ausgelösten Hashimoto-Thyreoiditis erkrankt? Gibt es Zahlen?

Hengstmann: Ja, durchaus. Die Wahrscheinlichkeit, als Schwangere oder in der Zeit davor an einer durch zuviel Jod ausgelösten Hashimoto-Erkrankungen zu erkranken liegt derzeit in Deutschland bei etwa 20%. Ein wichtiger Hinweis darauf, daß man zu dieser Risikogruppe gehören könnte, ist es, wenn Familienangehörige bereits an Hashimoto erkrankt sind.

4. Frage: Wenn 20% der Frauen zur Hashimoto-Risikogruppe gehören, gehören also 80% nicht dazu. Wie kann man das aber herausfinden, wer zu dieser Risikogruppe gehört und wer nicht?

Hengstmann: Grundsätzlich gehört bei allen, die schwanger werden wollen, und erst recht in der Folge von Fehlgeburten, die Diagnostik (MAK, TSH und Farb-Ultraschall) VOR den Beginn einer Schwangerschaft. Bei positiven Antikörpern gilt dann: es ist strikt darauf zu achten, daß die (Hashimoto-Risiko-)Schwangere bewußt wenig Jod zu sich nimmt, also KEINE Jodtabletten verordnet bekommt und und keine zusätzlich jodierten Lebensmittel, kein Jodsalz und keine jodierten tierischen Lebensmittel wie Milch, Joghurt, Quark (durch die Viehfutterjodierung in Deutschland, Österreich und der Schweiz) etc zu sich nimmt.
Mein Tipp zum Ausweichen: französische oder polnische Milch, letztere ist in sogenannten Polenläden zu bekommen.

5. Frage: Ich zitiere noch einen anderen wichtigen Ausspruch von Ihnen aus der Reportage. Sie sagen: „Die schlimmsten „Jodvergifter“ sind Ärzte. Da sehe ich in der gedankenlosen Verwendung von Jodid in der Schwangerschaft etwas, was in meinen Augen abgestellt gehört.“
Wie könnte man das in der Praxis umsetzen?

Hengstmann: Wie ich bereits in meiner vorherigen Antwort gesagt habe: erst muß die Diagnostik erfolgen, ob eine Schwangere zur Risikogruppe gehört, also deren Diagnostik positive Antikörper vorweist und/oder in deren Familie bereits Hashimoto vorkommt. Wenn ja, gilt strikte Jodabstinenz bei Schwangeren und Frauen mit Kinderwunsch, der sich bislang nicht erfüllt hat.
Besonders sind dabei natürlich die betreuenden Mediziner in der Pflicht, nicht gedankenlos gleich jeder Schwangeren Jodtabletten zu verordnen, ehe nicht die Diagnostik gemacht worden ist. Außerdem müssen die Ärzte, die nicht zur Risikogruppe gehörenden Schwangeren Jodtabletten – die dosierte Jodmengen enthalten! – verordnen, genau über die zusätzlich den Lebens- und Futtermitteln beigesetzten, unkontrolliert hohen Jodmengen genau Bescheid wissen und diesen enorm hohen Jodanteil in der täglichen Nahrungsaufnahme bei ihrer Jodtherapie natürlich mitberücksichtigen

6. Frage: In den Medien wird ja nach wie vor von einem Jodmangel und seinen gesundheitsgefährdenden Auswirkungen auch auf Mutter und Kind berichtet. In einem neueren Artikel im „Tagesspiegel“ vom 22. Mai 2013 kommt bei seiner Überschrift „Schwangerschaft Je weniger Jod, desto geringer der IQ des Kindes“, sogar die Angst auf, mit einer vorsichtigen Jodaufnahme der Intelligenz des eigenen Kindes zu schaden.
Wie ist Ihre Meinung zu diesem Artikel?

Hengstmann: Es ist weniger der vermeintliche Jodmangel, der dem Kind schaden kann. Die Entwicklung der Intelligenz des Kindes ist vor allem vom Thyroxingehalt im Blut der Mutter abhängig. Bei zuwenig Thyroxin im mütterlichen Blut kann es zur Störung der Entwicklung des kindlichen Gehirns kommen.

7. Frage: Herr Professor Hengstmann, was raten Sie Schwangeren und Frauen mit Kinderwunsch im gegenwärtigen Deutschland der sogenannten Hochjodierung?

Hengstmann: Frauen, die nicht schwanger werden können, müssen auf der genannten Schilddrüsendiagnostik bestehen, vor allem bei bekannter sogenannter „Familien-Anamnese“.
Bei Schwangere mit dieser Familien-Anamnese kann man davon ausgehen, daß sie zu der Risikogruppe von 20% gehören, und da gilt wieder: strikte Jodabstinenz bei medizinischer Therapie wie der Verordnung von Jodtabletten und, wie ebenfalls bereits erwähnt, sorgfältigste Auswahl von nicht künstlich jodierten Lebensmitteln.

8. Frage: Die Zahl der Hashimoto-Erkrankungen ist in den letzten Jahren, in denen in Deutschland (auch in Österreich und der Schweiz) die Lebens- und Futtermittel jodiert werden, kontinuierlich angestiegen. Wie kann ich als Schwangere denn sicher sein, daß ich nicht vielleicht doch zur größer werdenden Risikogruppe der jodinduzierten Hashimoto-Kranken und nicht zu der gleichzeitig schwindenden Gruppe der bis jetzt noch nicht Gefährdeten gehöre? Manchmal ist man ja betroffen, und ist der erste Hashimoto-Fall in der Familie.

Hengstmann: Diagnostik, wie gesagt, da hilft nur die beschriebene Diagnostik.

9. Frage: Was möchten Sie Ihren Kollegen ans Herz legen, die Paare mit Kinderwunsch und Schwangere betreuen?

Hengstmann: Schilddrüsendiagnostik und bitte nie „blind“ Nahrungsergänzungsmittel, Jodtabletten oder Ähnliches verschreiben – und selbstverständlich Schwangere mit entsprechender Hashimoto-Diagnostik vor jodierten deutschen (österreichischen und schweizer) Lebensmitteln warnen.

10. Frage:
Welche Maßnahmen sollte Ihrer Meinung nach die Gesundheitspolitik ergreifen, um Schwangere und Kinder vor den Folgen zu hoher Jodversorgung zu schützen?

Hengstmann: Ich war im Bundestag und habe mit den Politikern gesprochen. Mein Rat: Bitte französisch denken! Denn in Frankreich ist ja bekanntermaßen die Jodierung von Lebensmitteln wegen der Gesundheitsgefährdung seit 2008 verboten.*2



Dagmar Braunschweig-Pauli:
Herr Professor Hengstmann, ich danke Ihnen sehr herzlich für dieses sehr wichtige Interview über die möglichen Gefahren der gedankenlosen Verwendung von zusätzlichem Jod in der Zeit vor und während der Schwangerschaft und wünsche mir, daß Ihre Forschungsergebnisse allen Frauen zu glücklich verlaufenden Schwangerschaften und gesunden Kindern verhelfen.
Und ich erhoffe mir natürlich auch wie Sie, daß unsere Gesundheitspolitik sich im Interesse unserer Gesundheit und der der nächsten Generationen möglichst schnell ein Beispiel an der gesundheitsbewußten Einstellung der französischen Regierung nimmt!

Anmerkungen:

* s. Verbot der Lebensmitteljodierung in Frankreich nach dem Bericht „Entwicklung der ernährungswissenschaftlichen Auswirkungen der Einführung von jodierten Lebensmittelkomponenten“ der französischen Lebensmittelsicherheitsbehörde AFSSA (Agence Francaise de Sécurité Sanitaire des Aliments)“ zitiert in: Dagmar Braunschweig-Pauli: „Kochen und Einkaufen ohne Jodzusätze“, Trier 2009/2012, S. 15.

*1 In: Vortrag von Prof. Dr. med. J.H.Hengstmann: „Latente/manifeste Hypothyreose“, 3. Urban-Schilddrüsen-Symposium, Vivantes Klinikum Am Urban, Klinik für Allgemeine Innere Medizin, Berlin.

*2 s. Sternchen-Anmerkung

Copyright by Dagmar Braunschweig-Pauli M.A., Trier, den 4. Juli 2013

Mit freundlicher Genehmigung von Herrn Professor Dr. med. Jürgen Hengstmann darf dieses Interview auf der Website www.jod-kritik.de veröffentlicht werden.